INTERVIEW #4: TAME IMPALA

Bei unserem vierten Interview haben wir die Gelegenheit genutzt und die ganze Band von Tame Impala mit HEY-Taschen versorgt. Mastermind Kevin Parker freut sich, denn sein letzter Beutel ist erst unlängst kaputt gegangen! Im Tourbus erzählt der vom Jetlag gepeinigte Retter des Psychedelic Rock davon, wie es ist, auf Welttournee zu sein, warum auf dem neuen Album so viele Synthesizer drauf sind, er spricht über seine Obdachlosigkeit und räumt mit einer alten Legende auf.

Ich habe das Gefühl, dass viele Leute erst irgendwann nach „Innerspeaker“ auf euch aufmerksam geworden sind. Als die Platte erschien, war Tame Impala längst noch kein so großes Thema wie jetzt in der Zeit zwischen dem ersten Teaser auf YouTube im Sommer und „Lonerism“. Aber in der Zwischenzeit ist ja nicht wirklich etwas passiert. Wie erklärst du dir das?

Es fällt mir schwer, das einzuschätzen. Wir können nicht wissen, wie viele Leute uns zum Beispiel in Köln mögen und wie viele zum Konzert kommen, bevor wir selbst in Köln sind. Wir haben Leute, die für uns arbeiten, Manager und PR-Agenten und so, die sagen uns „ihr habt viele Fans in Berlin“ und so, aber wir selbst haben keine Möglichkeit, sowas herauszufinden, bis wir vor Ort sind. Es ist die dritte Show hier im Gebäude 9, beim ersten Mal war es ungefähr halb voll, und letztes Mal war es ausverkauft, und heute auch.

Was ist denn in musikalischer Hinsicht in der Zwischenzeit passiert? „Lonerism“ klingt anders als „Innerspeaker“. Da sind viel mehr Synthesizer auf der Platte, ich hab gelesen ihr habt die Synthesizer in Japan gekauft.

(Runzelt die Stirn)

Ist ja auch egal, wo ihr die gekauft habt, die Frage ist: warum sind so viele Snythesizer auf dem Album?

Ich hab mich einfach in den Synthesizer-Sound verliebt. (lacht) Ich bin besessen von Synthesizern. Ich habe vorher sehr viel Gitarre gespielt, und immer versucht, neue Gitarrensounds zu finden. Das Ding an neuen Gitarrensounds ist, dass man normalerweise ein neues Effektpedal kaufen muss, wenn man einen neuen Sound kreieren will. Am Synthesizer sind so viele Knöpfe und Regler und Sachen auf die man drücken kann, um echt abgefahrene Sounds hinzukriegen. Man kann mit dem Synthesizer alles machen, was man will, und es hört sich nicht nach etwas bestimmtem an, es klingt nicht nach Rock’n'Roll, nicht nach Postrock, es klingt wie Space. Es klingt wie Star Wars! (lacht) Für mich war die Arbeit mit Synthies wie eine neue Welt, mit neuen Emotionen, die ich aus der Musik gezogen habe. Alles war neu.

Haben die Synthesizer deine Herangehensweise an deine Musik verändert? Wie ist das, wenn du im Proberaum bist und an Songs arbeitest?

Wir haben einen Proberaum, aber wir nehmen da nicht wirklich was auf. Ich mache das eigentlich mehr so zuhause in meinem Studio.

Du hast ein Studio bei dir zuhause?

Ja, naja, ich hatte mal ein Studio zuhause. Jetzt hab ich kein Zuhause mehr.

Wieso das?

Ich bin ausgezogen und hab ‘ne Zeit lang in Paris gelebt. Aus Paris bin ich wieder weggezogen, aber nirgendwohin. Wir sind seitdem auf Tour, und ich hab mir einfach nix neues gemietet. Bin jetzt seit ungefähr einem halben Jahr obdachlos oder so.

Wie fühlt sich das denn an? Klar bist du in der Welt unterwegs und so, aber ist es nicht seltsam, zu wissen, dass man kein Zuhause hat, zu dem man zurück kehren kann?

Es ist nur dann seltsam, wenn ich darüber nachdenke. Genau in diesem Moment sitze ich in einem Bus. Meine Tasche mit meinen ganzen Klamotten ist auch im Bus – und mehr bin ich ja nicht (lacht). Wir waren letzte Woche für ein paar Tage in unserer Heimatstadt Perth, um zu proben. Ich hab im Hotel gewohnt, und das war wirklich weird: in meiner Heimatstadt im Hotel zu leben. Wieso muss ich im Hotel sein, in der Stadt, in der ich groß geworden bin? Ich schlafe in Hotels wenn ich überall anders bin, nur nicht in meiner Heimat. (lacht) Es fühlt sich auf eine Art aber auch frei an. Du bist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Das ist schön.

Und wo sind dann ganzen Habseligkeiten?

Im Haus unserer Managerin. (lacht) Sie hat ein Haus!

Du schreibst die Musik komplett alleine und nimmst sie auch alleine auf. Warum ist das so?

Ich hab das einfach immer so gemacht. Mein ganzes Leben lang war ich davon besessen, alleine Musik aufzunehmen. Ich nehme auch gerne mit meinen Freunden zusammen Musik auf. Denn meine Freunde sind echt gute Musiker. Ich liebe das. Aber ich muss auch die Musik alleine für mich haben können. Denn ich ich fühle mich nie zu 100% frei in meiner Kreativität, wenn ich nicht alleine bin. Auch wenn die Leute um mich herum meine besten Freunde sind, geht’s beim Musik machen dann mehr darum, Spaß zu haben. Mehr um Spaß, als darum, meine tiefsten, dunkelsten Gefühle Ausdruck zu verleihen.

Wenn man sich mit „Lonerism“ beschäftigt, fällt auf, dass die Musik tendenziell eher fröhlich ist, wohingegen die Texte eher traurig sind. Würdest du zustimmen?

Für mich ist die Musik auf „Lonerism“ nicht notwendigerweise fröhlich. Für mich ist es … irgendwo dazwischen. Sogar die Lyrics sind auch irgendwo zwischen froh und traurig. Sie sind auf eine Art optimistisch, aber irgendwie gleichzeitig auch verzweifelt. Es ist dieser seltsame Raum zwischen Freude und Trauer. Wahrscheinlich ist es das, was man Melancholie nennt. Wenn die beiden Pole zusammen arbeiten, wenn die Musik eher fröhlich ist, mit verzweifelten, depressiven Lyrics, gibt das dem Ganzen eine andere Dimension. Ich könnte wahrscheinlich nie einen fröhlichen Song schreiben, denn der wäre ja nur fröhlich, happy happy. Und auch nie einen traurigen, denn der wäre nur traurig. Es muss irgendwo dazwischen sein.

Aber würdest du nicht sagen, dass „Solitude Is Bliss“ ein fröhlicher Song ist?

Doch, das ist wahr. Der Song ist … ich denke (lacht), ja, das ist ein fröhlicher Song.

Sorry.

(lacht) Nein, nein, es stimmt ja, das ist ein sehr erbauender Song, aber … als ich ihn geschrieben habe, bin ich nicht davon ausgegangen, dass er mal als positiv aufgenommen werden könnte. Das ist das Ding an der Einsamkeit, dass sie normalerweise in Literatur und überall als etwas sehr dunkles und deprimierendes portraitiert wird. Ich mochte die Idee, dass der Song Einsamkeit in einem anderen Licht darstellt. Etwas, das sehr deprimierend ist, aber ich beschreibe, wie befreiend es ist.

Jetzt seid ihr schon seit einem halben Jahr auf Tour. Hat es einen Einfluss auf die Musik, wenn man die ganze Zeit in der Welt unterwegs ist?

Aaahm … yiiieeaaah. (Pause) Ja, vielleicht. Das ist schwer zu beantworten. Wenn du einen von den anderen Jungs fragen würdest würden sie sagen: definitiv! Denn wenn man viel unterwegs ist, hat man viel seltener die Möglichkeit, Musik aufzunehmen, oder zu jammen oder so. Alles, was wir haben, sind kleine Aufnahmegeräte oder Laptops, um Ideen aufzuzeichnen. Und klar macht es das praktisch schwieriger. Für mich ist es anders, ich denke viel Musik wenn ich auf Tour bin. Genauso wie zu Hause. Ich denke die gleiche Menge von Musik, aber die Art und Weise, wie man sie versucht, im Kopf zu behalten, die ist anders. Am Ende ist es aber das Gleiche, denn … wenn man auf Tour einen starken Song schreibt, einen Song, den man liebt, wird man auch früher oder später eine Möglichkeit finden, ihn aufzunehmen. Es ist nicht wichtig, wo man ist und was man macht, wenn da was im Kopf ist, das raus muss, wird es auch rauskommen. Wenn man was aufnehmen muss, wird es seinen Weg schon finden, aufgenommen zu werden. Wenn es gut genug ist. Daran glaube ich.

Die Legende besagt ja folgendes: du warst Student und hast gleichzeitig immer Musik gemacht. Irgendwann musstest du dich entscheiden, und du hast dich ohne Absicherung für die Musik entschieden und dein Studium aufgegeben. Ist das wirklich so gewesen?

Nein (lacht). Nein, ich war Student und habe Astronomie studiert. Eines Tages rief die Plattenfirma an, und fragte, ob ich einen Plattenvertrag unterschreiben will. Ich sagte: ja! Und ich ging nie wieder in die Uni. (lacht)

Ist Erfolg wichtig für dich? Möchtest du irgendwann mal im Wembley-Stadion spielen?

Nein (lacht), denn der Sound wäre schrecklich. Je größer die Konzerte, desto beschissener ist der Sound. Als wir größere Bands supportet haben, war der Sound meistens scheiße. Wir waren zum Beispiel vor ein paar Monaten mit den Black Keys unterwegs, und die haben in Stadien gespielt. Der Sound war schrecklich, für uns. Für sie war er geil. Aber für je mehr Leute du spielen musst, desto weiter muss der Sound tragen, und dabei geht er irgendwann verloren. Die besten Venues sind Orte wie das Gebäude 9, wo die Leute dicht gedrängt auf kleinem Raum stehen und der Sound direkt auf sie runtergeht. Da ist der Sound am besten, im Wembley-Stadion wäre das nur ein großer Brei. Ich bin ganz froh, dass wir keine große, berühmte Band sind.

Ich habe ja am Anfang schon gesagt, dass ich das Gefühl habe, ihr werdet immer größer. Dazu passt auch, dass in der Zwischenzeit einige Bands aufgekommen sind, die auf unterschiedliche Art und Weise so klingen wie ihr. Beispielsweise Django Django, DIIV, Pond natürlich, Toy, und so weiter. Wie schätzt du das ein: ist es wieder Zeit für Psychedelic Rock?

Schwer zu sagen, ich kann das nicht gut beurteilen. Ich hab kein großes Wissen über die aktuelle Musikszene, ich hab weder richtig Django Django gehört und DIIV auch nicht. Schwer zu sagen, schwer zu sagen. Wenn Psychedelic Rock wieder ein Trend werden würde, würde ich mich unwohl fühlen, Psychedelic Rock zu spielen. Es würde bedeuten, dass wir Teil eines bestimmten Trends wären oder dass unsere Musik jetzt bedeutungsvoll ist, in einem Jahr oder so aber nicht mehr.

Submit your comment

Please enter your name

Your name is required

Please enter a valid email address

An email address is required

Please enter your message

*

Soundcloud

Send me
your sounds

Vice Content Network

Hypem

HEY © 2013 All Rights Reserved

Designed by WPSHOWER

Powered by WordPress